Einfühlsame Menschen gähnen gerne mit



Einfühlsame Menschen gähnen gerne mit
Wenn jemand in unserer Nähe gähnt, gähnen wir gerne mit. Der Grund für diesen Imitationsprozess ist umstritten, Evolutionsbiologen und Neurowissenschaftler halten ihn jedenfalls für wertvoll. US-Psychologen haben nun herausgefunden, wer besonders “gefährdet” ist: nette Menschen, die sich gut in ihre Mitmenschen einfühlen können.

Die Hälfte lässt sich “anstecken”

Eine Reihe von Studien besagt, dass 40 bis 60 Prozent aller Menschen, die anderen beim Gähnen zusehen oder auch nur davon hören, selbst zu gähnen beginnen. Warum das so ist, ist unklar. Verfolgt werden kann das Phänomen etwa auf neurologischer Basis – italienische Forscher haben vor einigen Jahren so genannte “Spiegelneuronen” ausgemacht, die für das Nachahmen von Tätigkeiten verantwortlich sind.

Steven Platek von Drexel University in Philadelphia und sein Forscherteam sind dieser Frage in nun in psychologischer Hinsicht nachgegangen. Sie zeigten den Teilnehmern ihrer Studien Videos mit gähnenden Menschen und überprüften, warum manche von ihnen besonders empfänglich für den Ansteckungs-Effekt waren und sich manche geradezu als resistent erwiesen.

Die Studie ist unter dem Titel “Contagious yawning: the role of self-awareness and mental state attribution” in “Cognitive Brain Research” (Bd. 17, S. 223 – 227, Juli 2003) erschienen. Original-Abstract

Wenig Empathie, wenig Mit-Gähnen
Wie die Tests ergaben, zeichneten sich die Nachahmungs-Resistenten durch ein geringes Maß an Empathie aus – sie hatten also geringe Fähigkeiten, sich in andere Menschen hineinzuversetzen.

Diese Fähigkeit des Einfühlungsvermögens wurde anhand mehrerer Tests überprüft. Ein Beispiel: das Erkennen und (mangelhafte) Einschätzen der Konsequenzen von sozialem Fehlverhalten im Rahmen erzählter Geschichten.

Der Schluss der Psychologen laut der Online-Ausgabe von “Nature”: Die Identifikation mit dem Geisteszustand einer gähnenden Person löst eine unbewusste Personifizierung aus.

Evolutionäre Vorteile
Dies könnte auch evolutionär von Vorteil sein, so Ronald Baenninger von der Temple University in Philadelphia. Gähnen zeige Müdigkeit an und synchronisiere durch seine ansteckende Wirkung das Verhalten und den Ruhe-Aktivitäts-Wechsel einer Gruppe.

Gähnen – nach wie vor ein Rätsel

Das Phänomen “Gähnen” ist noch immer nicht restlos geklärt. Eine beliebte Erklärung, derzufolge es eine Reaktion auf Sauerstoffmangel in der Luft ist – hat sich nicht bewahrheitet. In Experimenten konnte bewiesen werden, dass Menschen, die entweder mehr Sauerstoff oder mehr Kohlendioxid ausgesetzt waren, gleich wahrscheinlich zu gähnen beginnen.

Vorbereitung auf Aktivität
Gähnen ist ein bei Wirbeltieren weit verbreitetes und stammesgeschichtlich sehr altes Verhalten, das vor allem beim Übergang von der Schlaf- in die Wachphase und umgekehrt ausgelöst wird. Bei vielen Säugetieren hat es auch die Funktion eines Signals: als Drohung etwa bei manchen Affen, zur Beschwichtigung bei manchen Raubkatzen und als Ankündigung gemeinsamer sozialer Aktivität bei manchen Hunden. Menschen gähnen intensiv eine Stunde vor dem Einschlafen bzw. nach dem Aufwachen. Gähnen nach dem Aufwachen ist eng mit dem Strecken des Körpers verbunden, was Aktivität vorbereitet und Puls sowie Blutdruck beschleunigt.

Eine andere Antwort: Spiegelneuronen

Eine andere Möglichkeit, für diese oder ähnliche Nachahmungsleistungen zu erklären – die unbewusste Übernahme von Bewegungen Verliebter, Lachen oder auch Gähnen -, stammt von Neurowissenschaftlern. Sie machen dafür spezielle Neuronen verantwortlich.

Die so genannten Spiegelneuronen waren vor einigen Jahren von italienischen Wissenschaftlern zunächst bei Affen entdeckt worden. Diese Zellen feuern nicht nur, wenn sich die Affen selbst bewegen, sondern auch, wenn sie nichts tun außer die Greifbewegungen anderer Affen oder des Versuchsleiters zu beobachten.

Inzwischen gehen Neurologen davon aus, dass es auch im Gehirn des Menschen ein komplexes System von Spiegelneuronen gibt, die Beobachtungen oder Geräusche mit der Ausübung von Aktionen verknüpfen





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kurios.at, 30. July 2003



Kategorie: Allgemein

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