{"id":139,"date":"2004-03-05T13:54:05","date_gmt":"2004-03-05T12:54:05","guid":{"rendered":"http:\/\/kurios.at\/storys\/139"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"Wissenschaft-Greifen-allein-mit-der-Kraft-des-Denkens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kurios.at\/storys\/139\/Wissenschaft-Greifen-allein-mit-der-Kraft-des-Denkens\/","title":{"rendered":"Wissenschaft: Greifen, allein mit der Kraft des Denkens"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"storys\"><CENTER>Greifen, allein mit der Kraft des Denkens<\/h1>\n<p><\/center><font class=\"storys\"><br \/>\n<br \/>\nGrazer Wissenschaftern gelang eine Weltsensation: Sie konnten einem Querschnittgel&auml;hmten seine F&auml;higkeit zum Greifen zur&uuml;ckgeben. Mit einem System, das allein durch Gedanken gesteuert wird, die ein Computer in elektrische Impulse umwandelt. <\/p>\n<p>Graz\/Wien &#8211; Urlaub auf Malta. Badeunfall. Der 22-j&auml;hrige Thomas bricht sich das R&uuml;ckgrat, sein R&uuml;ckenmark wird zwischen viertem und f&uuml;nftem Halswirbel fast vollst&auml;ndig durchtrennt. Seitdem ist der Steirer querschnittgel&auml;hmt: Er sitzt im Rollstuhl, kann den rechten Arm &uuml;berhaupt nicht mehr bewegen. Links haben ein paar motorische Nervenstr&auml;nge den Unfall vor f&uuml;nf Jahren &uuml;berlebt, sodass er den linken Arm heben kann. Hand und Finger sind auch links gel&auml;hmt.<\/p>\n<p>Dennoch &#8211; heute kann Thomas wieder allein essen und trinken, benutzt dazu seine Hand und Finger. M&ouml;glich wurde dies, weltweit erstmalig, durch Forscher der Technischen Universit&auml;t Graz unter Leitung von Gert Pfurtscheller, Vorstand des Instituts f&uuml;r Elektro- und Biomedizinische Technik: Sie kombinierten das &#8220;Brain-Computer-Interface&#8221; (BCI) mit der Elektrostimulation von Muskeln. Anders ausgedr&uuml;ckt &#8211; sie schufen eine Art Mensch-Maschine-Symbiose. Wie die funktioniert? Thomas denkt, der Computer rechnet, schickt elektrische Impulse, die Hand greift zu. Und l&auml;sst wieder los, wenn Thomas dran denkt.<\/p>\n<p>Das Prinzip des BCI basiert auf zwei Tatsachen: Denken ist eine Nervenaktivit&auml;t, die im Gehirn elektrische Str&ouml;me flie\u00dfen l&auml;sst. Und diese sind mit dem &#8220;Elektroenzephalogramm&#8221; (EEG) messbar. Dabei nehmen Elektroden die Spannungen am Kopf ab.<\/p>\n<p>Das Problem: Die Spannungen, die das EEG registriert, sind extrem klein, liegen bei Mikrovolts. Und das, obwohl die elektrische Aktivit&auml;t in Nervenzellen des Hirns bis zu tausendmal gr&ouml;\u00dfer ist. Durch Abstand bis zur Sch&auml;deloberfl&auml;che und anatomische Gegebenheiten werden die Signale jedoch geschw&auml;cht. Um solch kleine Spannungen zu messen, sind spezielle Verst&auml;rker notwendig &#8211; welche die Grazer erfolgreich konstruierten.<\/p>\n<p>Die so verst&auml;rkten Gehirnstr&ouml;me werden an einen Computer weitergeleitet, der sie mittels spezieller Software in bin&auml;re Signale umrechnet. Sehr vereinfacht ausgedr&uuml;ckt: Der Rechner splittet die eingehenden Hirnimpulse auf in &#8220;zugreifen&#8221; und &#8220;loslassen&#8221;.<\/p>\n<p>So simpel funktioniert das System nat&uuml;rlich nicht, denn wie wei\u00df der Computer, woran Thomas gerade denkt? Myriaden von Denk- und anderen Aktivit&auml;ten m&uuml;nden in eine Vielzahl unterschiedlicher elektrischer Signale, die das menschliche Gehirn in jeder Sekunde aussendet. Welches steht da f&uuml;rs Zugreifen?<\/p>\n<p>Zur L&ouml;sung dieses Problems bedienten sich die Forscher eines ungel&ouml;sten physiologischen Ph&auml;nomens: Etwa eine halbe Sekunde, bevor ein Mensch eine Bewegung ausf&uuml;hrt, &auml;ndern sich die Hirnstr&ouml;me. Dieses nur wenige Millionstel Volt kleine, aber hoch spezifische &#8220;Bereitschaftspotenzial&#8221; zeigt an, dass der Mensch eine Bewegung plant: ein vom Computer identifizierbarer Impuls. Nun mussten alle Beteiligten lernen, diesen Impuls und anschlie\u00dfende Bewegungssignale zu koordinieren. Also lernten sie gemeinsam, Thomas und der Computer.<\/p>\n<p>Gemeinsames Lernen <\/p>\n<p>Der Rechner lernte &uuml;ber Datenbeispiele, die EEG-Muster von Thomas zu klassifizieren und entsprechend auszuwerten. Umgekehrt beeinflusste die mental gesteuerte Computerreaktion, auf einem Bildschirm sichtbar gemacht, die Gehirnaktivit&auml;t von Thomas. Dieser musste lernen, &#8220;sein EEG bewusst zu beeinflussen&#8221;, erkl&auml;rte Pfurtscheller Dienstag dem STANDARD. Dies gelang, indem sich der Steirer vorstellte, beide F&uuml;\u00dfe zu bewegen, und erst danach an Handbewegung dachte.<\/p>\n<p>Der letzte Schritt, die Stimulation der entsprechenden Hand- und Fingermuskeln, die sich mittels elektrischen Impulsen &uuml;ber Elektroden am Unterarm zum Kontrahieren und Entspannen anregen lassen, war dann leicht, diese Technik war vorhanden.<\/p>\n<p>Die Greifsequenz erfolgt laut Pfurtscheller in drei Phasen: Zuerst &ouml;ffnen sich die Finger, dann schlie\u00dft sich die Hand und schlie\u00dflich &ouml;ffnen sich die Finger wieder &#8211; &#8220;Thomas muss nur konzentriert genau an diese Bewegungen denken&#8221;. Damit habe der Steirer ein gro\u00dfes St&uuml;ck an Lebensqualit&auml;t wiedergewonnen. &#8220;Das ist erst der Anfang&#8221;, konstatierte Pfurtscheller.<\/p>\n<p>F&uuml;r die allt&auml;gliche Praxis sei die Verkabelung zwischen Computer und Elektroden an Unterarm und Kopf au\u00dferhalb des K&ouml;rpers nicht tauglich. &#8220;In einem Projekt mit den USA arbeiten wir daran, die Elektroden ins Gehirn zu implantieren.&#8221; Mitsamt fingernagelgro\u00dfem Sender und Verst&auml;rker, der die Denkimpulse &uuml;ber Funk nach au\u00dfen leitet, an einen tragbaren Computer, der die Elektroden an den gel&auml;hmten Extremit&auml;ten steuert. Der erste Versuch soll in etwa vier Jahren erfolgen. <\/p>\n<p><FONT Size=2>Copyright by <a href=\"http:\/\/www.derstandard.at\" target=\"_lol\">derStandard.at<\/a> und Andreas Feiertag,  Oktober 2003<br \/>Mit freundlicher Genehmigung von Andreas Feiertag. Vielen Dank.<\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Greifen, allein mit der Kraft des Denkens Grazer Wissenschaftern gelang eine Weltsensation: Sie konnten einem Querschnittgel&auml;hmten seine F&auml;higkeit zum Greifen zur&uuml;ckgeben. Mit einem System, das allein durch Gedanken gesteuert wird, die ein Computer in elektrische Impulse umwandelt. Graz\/Wien &#8211; Urlaub auf Malta. Badeunfall. 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