{"id":176,"date":"2005-11-03T18:24:24","date_gmt":"2005-11-03T17:24:24","guid":{"rendered":"http:\/\/kurios.at\/storys\/176"},"modified":"-0001-11-30T00:00:00","modified_gmt":"-0001-11-29T22:00:00","slug":"33-Jahre-fuer-Fuehrerschein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kurios.at\/storys\/176\/33-Jahre-fuer-Fuehrerschein\/","title":{"rendered":"33 Jahre f\u00fcr F\u00fchrerschein"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"storys\"><CENTER>Warum eine Britin 33 Jahre f&uuml;r ihren F&uuml;hrerschein brauchte<\/h1>\n<p><\/center><font class=\"storys\"><br \/>\n<br \/>\nDas Dokument, mit dem sich Venida Crabtree den Traum ihres Lebens erf&uuml;llt hat, ist ungef&auml;hr so gro\u00df wie ein deutscher<br \/>\nPersonalausweis und steckt in einer Klarsichth&uuml;lle: F&uuml;hrerschein Nummer D 0929170, ausgestellt auf den Namen Venida Agatha Crabtree, erworben an einem makellosen Mittwoch im Sommer dieses Jahres.<\/p>\n<p>Es ist, vermutlich, die teuerste Fahrerlaubnis der Welt. Venida Crabtree, 1955 auf St. Vincent in Westindien geboren, sitzt auf der Terrasse ihres kleinen Reihenhauses im Oxforder<br \/>\nStadtteil Cowley und h&auml;lt ihren F&uuml;hrerschein in der Hand. Sie arbeitet als Masseurin, ihr Mann Ralph f&auml;hrt f&uuml;r UPS Pakete  aus, 27.000 Pfund sind f&uuml;r die beiden ein Verm&ouml;gen. Es sei nie eine Frage des Geldes gewesen, sagt Venida. Es gehe darum, nicht aufzugeben. Niemals.<\/p>\n<p>Venida war 17, als sie ihre allererste Fahrstunde nahm. P&uuml;nktlich zum 18. Geburtstag, hoffte sie, w&uuml;rde sie den<br \/>\nF&uuml;hrerschein in H&auml;nden halten.<\/p>\n<p>Das war 1972. Richard Nixon wurde zum Pr&auml;sidenten Amerikas wiedergew&auml;hlt, in M&uuml;nchen trafen sich die Sportler zu den<br \/>\nOlympischen Sommerspielen, Atari pr&auml;sentierte das erste Videospiel der Welt. Bei der ersten Pr&uuml;fung fiel Venida glatt durch. Sie ist ein nerv&ouml;ser Typ, und wenn sie einen Fehler macht, wird sie noch nerv&ouml;ser. Au\u00dferdem hasst sie Pr&uuml;fungen.<\/p>\n<p>Nat&uuml;rlich machte sie weiter. Venida f&auml;hrt gern, aber ihr fehlte, so scheint es, mitunter das Gef&uuml;hl f&uuml;rs Auto, f&uuml;r den<br \/>\nVerkehr. Mal jagte sie den Wagen derart schnell &uuml;ber ein paar Bodenschwellen, dass es schepperte; mal nahm sie eine<br \/>\nKurve so rasant, dass selbst der Fahrlehrer erschrak.<\/p>\n<p>Jahre vergingen. Venida wechselte ein paar Mal die Fahrschule, aber sie lernte: einiges &uuml;ber Autos, viel &uuml;ber sich selbst.<br \/>\nSchuld, sagt sie, sind nie die anderen. Schuld ist man immer selbst. Und: Wenn man etwas wirklich will, kann man es auch<br \/>\nschaffen.<\/p>\n<p>Je l&auml;nger es dauerte, desto entschlossener wurde sie. &#8220;Ich wollte den F&uuml;hrerschein. Ich wollte nicht, dass die Leute mich<br \/>\nbemitleiden, weil ich aufgebe.&#8221;<\/p>\n<p>Irgendwann h&ouml;rte sie von Roger Coenen. Er ist ein freundlicher, h&ouml;flicher Mann, der unter Fahrsch&uuml;lern als zur&uuml;ckhaltend<br \/>\ngalt und als &auml;u\u00dferst geduldig. Er wurde ihr Fahrlehrer Nummer sieben.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien regierte inzwischen Margaret Thatcher, der amerikanische Pr&auml;sident hie\u00df Ronald Reagan, die Welt hatte<br \/>\nsich ver&auml;ndert. Venida war, im Gro\u00dfen und Ganzen, dieselbe geblieben. Sicher: Sie hatte geheiratet und war wieder geschieden<br \/>\nworden, sie hatte anfangs in einem Krankenhaus gearbeitet und sp&auml;ter eine Ausbildung zur Masseurin absolviert. Aber sie war<br \/>\nnoch immer aufgeregt, wenn sie zu dem Pr&uuml;fer in den Wagen stieg &#8211; und sie hatte noch immer keinen F&uuml;hrerschein.<\/p>\n<p>Mit Roger Coenen traf sie sich w&ouml;chentlich zur Fahrstunde und ab und an zu einer Pr&uuml;fung. Mal &uuml;bersah sie eine Ampel,<br \/>\nmal verga\u00df sie den Schulterblick, manchmal fuhr sie zu schnell, h&auml;ufig war sie zu langsam. Coenen schimpfte nie. 19 Jahre<br \/>\nverbrachten sie zusammen, sie wurden Freunde, Venida begann, sich auf ihre regelm&auml;\u00dfigen Ausfl&uuml;ge mit Coenen zu freuen. Die<br \/>\nFahrschule wurde Teil ihres Lebens.<\/p>\n<p>&#8220;Ich bin eine gute Autofahrerin, jedenfalls sagen das mein Fahrlehrer und meine Pr&uuml;fer&#8221;, sagt Crabtree. &#8220;Sie ist eine ganz<br \/>\nordentliche Fahrerin&#8221;, sagt Coenen, inzwischen kurz vor der Rente, es klingt vorsichtiger, diplomatischer. &#8220;Gut&#8221; oder &#8220;ganz<br \/>\nordentlich&#8221; &#8211; vielleicht macht das den ganzen Unterschied.<\/p>\n<p>Dann kam der 6. Juli 2005. Am Morgen hatte Venida meditiert. &#8220;Beruhige dich&#8221;, wiederholte sie immer wieder, &#8220;konzentriere<br \/>\ndich.&#8221; Sie versuchte, sich das Auto vorzustellen, das Lenkrad, all die verdammten Kn&ouml;pfe.<\/p>\n<p>Dann betete sie. &#8220;Mach, dass der Pr&uuml;fer mein Freund ist, nicht mein Feind.&#8221;<\/p>\n<p>Es war ein herrlicher Tag. Sie kannte den Pr&uuml;fer schon, weil sie bei ihm schon einmal durchgefallen war, die beiden<br \/>\nplauderten, er versuchte, ihr Mut zu machen. Die Sonne schien. Zum ersten Mal seit langer Zeit f&uuml;hlte sie sich gut.<\/p>\n<p>&#8220;Sei ganz du selbst&#8221;, hatte ihr Mann am Morgen gesagt. &#8220;Entspann dich. Genie\u00df es.&#8221;<\/p>\n<p>Als die 45 Minuten endlich um waren, hatte der Pr&uuml;fer 15 Schnitzer notiert, nur einen weniger als erlaubt, aber keinen<br \/>\ngroben Versto\u00df. Venida hatte bestanden.<\/p>\n<p>&#8220;Ich wusste, dass du es schaffen w&uuml;rdest&#8221;, rief Coenen, als sie sich ihm in die Arme warf. &#8220;Entschuldige, dass ich dich<br \/>\nso oft entt&auml;uscht habe&#8221;, stammelte Crabtree, lachend, Tr&auml;nen in den Augen. Dann umarmte sie den Pr&uuml;fer. &#8220;Gott sch&uuml;tze dich, Simon.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Es war eine Riesenerleichterung&#8221;, sagt sie und schiebt den F&uuml;hrerschein vorsichtig in die H&uuml;lle zur&uuml;ck, &#8220;wie ein Gewicht,<br \/>\ndas endlich von meinen Schultern genommen wurde &#8211; und von denen meines Fahrlehrers. Und von denen meines Mannes.&#8221;<\/p>\n<p>Sie hat sich inzwischen einen Daewoo gekauft, f&uuml;nf Jahre alt, kirschrot.<\/p>\n<p>Die Fahrstunden vermisst sie jetzt schon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum eine Britin 33 Jahre f&uuml;r ihren F&uuml;hrerschein brauchte Das Dokument, mit dem sich Venida Crabtree den Traum ihres Lebens erf&uuml;llt hat, ist ungef&auml;hr so gro\u00df wie ein deutscher Personalausweis und steckt in einer Klarsichth&uuml;lle: F&uuml;hrerschein Nummer D 0929170, ausgestellt auf den Namen Venida Agatha Crabtree, erworben an einem makellosen Mittwoch im Sommer dieses Jahres. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-176","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kurios.at\/storys\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/176","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kurios.at\/storys\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kurios.at\/storys\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kurios.at\/storys\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kurios.at\/storys\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=176"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/kurios.at\/storys\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/176\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kurios.at\/storys\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kurios.at\/storys\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=176"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kurios.at\/storys\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}